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Claudia Larcher - Kollaps
23.05.2018 18:30h
Galerie Raum mit Licht
Claudia Larcher - Kollaps
Fotocredits: Claudia Larcher aus der Serie MIES, »sketch No 01« (2017)
kollaps

bis zum kollaps nicht viel zeit

kollaps

unsre irrfahrten zerstören die städte

und nächtliches wandern

macht sie dem erdboden gleich

...

schlag schneller schrei lauter leb schneller

bis zum kollaps nicht viel zeit

wir sind die neuen goldenen horden

diesmal ohne dschingis khan

bis zum kollaps nicht viel zeit

(Einstürzende Neubauten, 1981)

Auf den ersten Blick ist nichts von einem Kollaps zu erkennen, kein Zusammenbruch, kein Einsturz, keine Zerstörung. Claudia Larcher gibt vielmehr isolierte architektonische Elemente zu sehen. Sie sind hauchzart, wie mit einem Seziermesser aus ihrem ursprünglichen Kontext herauspräpariert. Die Videoanimation Collapsing Mies (2018) basiert auf fotografischen Ansichten von Gebäuden Mies van der Rohes: Details von Innenräumen und Gitterstrukturen ganzer Fassaden werden aneinander und übereinander montiert. Diese Fragmente erzählen in Kombination mit sprechenden Details – etwa dem Barcelona-Sessel oder einer rötlichen Onyxmarmor-Wand – vom modernistischen Traum von Effizienz, Transparenz und Eleganz. Nicht die Kamera und mit ihr die Betrachter_innen bewegen sich durch festgefügte Räume, sondern die einzelnen Gebäudeelemente selbst sind mobil. Sie drehen sich langsam um die eigene Achse, schieben sich ineinander, werden immer mehr.

Claudia Larcher setzt in diesem Video wie auch in der Serie Mies (2017) einen komplexen Wechsel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität in Gang. Ausgehend von zweidimensionalen fotografischen Abbildungen gebauter Architektur, konstruiert sie neue Räume, die weder den Regeln der Statik noch denjenigen der Naturnachahmung folgen. Ihre paradoxen Raumstrukturen zwingen die Betrachter_innen dazu, die einzelnen Bildelemente immer wieder aufs Neue zu befragen: Ob sie sich „vorne“ oder „hinten“ befinden, ob sie „innen“ oder „außen“ sind, ob sie kleine Ausschnitte zeigen oder ganze Gebäude.

Die Künstlerin spielt auch bei der Serie Collapse (2018) mit diesen räumlichen und optischen Effekten. Sie legt Fassadenstrukturen, Stiegenaufgänge und andere konstruktive Teile von modernistischen Bauten übereinander, wobei Stoff als Bildträger und Montagematerial dient. Die Rigorosität gebauter Architektur trifft auf die Elastizität von Textil. Dadurch wirken einzelne Elemente wellenförmig verzerrt oder in Auflösung begriffen. Darüber hinaus evoziert der Einsatz von Stoff das Prinzip der Curtain Wall oder Vorhangfassade, einem Bautypus des 20. Jahrhunderts, an dessen Siegeszug u.a. Mies van der Rohe maßgeblich beteiligt war.

Indem Claudia Larcher mit gefundenen Fotografien aus Publikationen arbeitet, wirft sie einen zweifachen Blick zurück in die Geschichte – auf das, was gebaut und auf das, was als berichtenswert erachtet wurde. Die Künstlerin entfernt aus den Bilder alle Spuren, die auf Menschen und damit auf die Benutzbarkeit der Bauten hinweisen könnten. Damit fehlen aber auch Hinweise darauf, dass Gebäude unterschiedlichen Zeiten angehören – ihrer Entstehungszeit ebenso wie der Gegenwart ihres alltäglichen Gebrauchs. Larchers Blick zurück wird damit in der Vergangenheit arretiert. Dass es sich dabei jeweils um andere Chronotopoi handelt, macht der umfangreiche Werkkomplex Baumeister deutlich, an dem die Künstlerin seit 2012 arbeitet.

Ein Jahrgang der Architekturfachzeitschrift Baumeister ist Ausgangspunkt für je eine Serie. Larcher schneidet aus den einzelnen Heften alles aus, was nicht gebaute Architektur zeigt – Textblöcke, Seitenränder, Pflanzen, Menschen, Einrichtungsgegenstände – und ordnet die verbleibenden Blätter in einem Rahmen mit nur wenigen Millimetern Abstand hintereinander an. Die einzelnen Montagen werden räumlich, ohne dass sie einem vereinheitlichenden Blickpunkt unterworfen wären. Der erzielte Effekt gleicht dem alter Bühnenbilder oder Papiertheater. Doch während szenografische Gestaltungsaufgaben stets im Verhältnis zur menschlichen Figur stehen, bleiben bei der Serie Baumeister die Größenverhältnisse unbestimmbar. Bestimmbar hingegen sind – in der Zusammenschau ganzer Serien oder im Vergleich der einzelnen Serien miteinander – Charakteristika, die auf die Entstehungszeit der einzelnen Hefte verweisen: Typologien zeichnen sich ab, Architekturtrends werden sichtbar, etwa sich ändernde Vorlieben von Materialien und Bauformen, aber auch Darstellungsweisen von geplanten wie gebauten Projekten.

Nach einem vergleichbaren Prinzip entstand die Edition The New Indonesian House (2017). Larcher hält bei diesem Projekt an der Form des Buches fest. Das Durchblättern der Publikation führt zu einer sequenziell gestaffelten Rezeption, die sowohl filmische als auch taktile Qualitäten erhält. Eine Doppelseite ist in der Ausstellung Kollaps auch großformatig auf einer Wand zu sehen. Die Betrachter_innen sind eingeladen, nicht nur mit ihren Blick den Raum zu durchmessen, sondern sich mit ihrem Körper mit dem Bild in Beziehung zu setzen. Vergleichbares gilt für Panorama Lampshade (2018), einem Lampenschirm, der sowohl populäre Bildmedien des 19. Jahrhunderts aufnimmt, als auch das Verhältnis von Architektur, bildender Kunst und Design thematisiert. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass Walter Benjamin anhand von Architektur erklärte, wie das progressive Gegenstück zur kontemplativen Rezeption vorzustellen sei: „Bauten werden auf doppelte Art rezipiert: durch Gebrauch und deren Wahrnehmung. Oder besser gesagt: taktil und optisch. […] Die taktile Rezeption erfolgt nicht sowohl auf dem Wege der Aufmerksamkeit als auf dem der Gewohnheit.“ Indem Larcher nicht nur Einzelbilder schafft, sondern unterschiedliche Medien und Darstellungsformen auslotet, ermöglicht sie den Betrachter_innen auch unterschiedliche Zugänge zu Architektur.

Ja – auf den ersten Blick ist zwar in Claudia Larchers Ausstellung nichts vom titelgebenden Kollaps zu erkennen, kein Zusammenbruch, kein Einsturz, keine Zerstörung. Doch egal ob als Video, gerahmte Montage oder als Wandinstallation – ihre Raumgefüge haben die konkrete und dabei höchst irreale Qualität von Träumen. Sie bilden nicht den Einsturz konkreter Bauten ab, sondern stehen für den Zusammenbruch modernistischer Architekturparadigmen. Damit erinnern sie an Piranesis Architekturphantasien der „Carceri“ (1750 und 1761). Diese übersteigerten die Bauformen der Antike ins Monumentale und ließen zentralperspektivische Kompositionsprinzipien hinter sich, zugunsten solcher, die aus der Bühnenbildgestaltung stammten, um im Rückgriff auf antike Architektur das zeitgenössische Bauen zu beleuchten. Larchers komplexe Raumgefüge besitzen ebenfalls keinen einheitlichen Blickpunkt vor dem Bild. Vielmehr fallen mehrere Bilder, Räume und Zeiten in eins. Die so gebauten Heterotopien können als Hinweis darauf verstanden werden, dass eine ungebrochene Fortführung modernistischer Denkweisen nicht mehr sinnvoll ist. Oder um es mit den Einstürzenden Neubauten zu sagen: „wir sind die neuen goldenen horden. diesmal ohne dschingis khan. bis zum kollaps nicht viel zeit.“

Benjamin, Walter: The Work of Art in the Age of Mechanical Reproduction. Quoted here from
www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/ge/benjamin.htm
(Translated by Harry Zohn).

(Text Gudrun Ratzinger 2018)