Verkörperte Schaffenslust

eSeL Foto: Barbara Hammer - Women I Love (Franz Josefs Kai 3, 05.03 – 02.05.2021)

eSeL Foto: Barbara Hammer - Women I Love (Franz Josefs Kai 3, 05.03 – 02.05.2021)

Wie die hierzulande weitgehend unbekannte US-Künstlerin Barbara Hammer mit unbändiger Lebensfreude seit den Siebzigern ein facettenreiches Werk zu schaffen geschafft hat, das nicht zuletzt ihrer eigenen Lebenswirklichkeit als bekennende Lesbe experimentalfilmische Denkmäler zu setzen verstand, berührt alle „hot topics“, die in der Kunstszene heute leidenschaftlich erforscht (und nachgeholt) werden.

Allein der Film „Snow Job: The Media History of AIDS“, in dem die Künstlerin schrecklich verschreckte Reaktionen auf eine aufkeimende Pandemie verarbeitet, lohnt, die Chance im Franz Josef Kai 3 noch zu nutzen, bevor die Rollbalken Corona-bedingt wieder runtergehen. Der Eintritt ist sowieso frei. Mi-Fr 12-18h, Sa 12-16h vermittelt und plaudert Kuratorin Fiona Liewehr mit vollem körperlichem Einsatz – als wäre es nicht schon ein Kraftakt, eine Werk- wie Lebensschau zusammenzutragen, die neben den Filmen und dem vielseitigem Aktivismus auch Hammers „bildnerisches“ Werk wie Fotos und Zeichnungen sichtbar macht.

Vom vermutlich ersten „lesbischen Werbespot“ schreibt die Künstlerin selbst, das Material wäre vor ihrem Schnitt schlichtweg zu langweilig gewesen („fast eingeschlafen“), bis sie den Landausflug liebender Freundinnen auf genussvolle vier Minuten gekürzt hatte. Nebenan entdeckt man durchaus weniger körperbetont rasantere Schnitttechniken, die zu Überlagerungen und Experimenten mit Bild und Ton wie Inhalten weiterführen.

Alles kann man bei einem Besuch ohnehin nicht in Ruhe anschauen. Aber gerade Kurz(!)filme sind ideal, um noch und doch noch einen weiteren Aspekt (oder Wandel) an Themen wie Techniken über die vielen produktiven Jahrzehnte zu bestaunen, die fein chronologisch mit autobiografischen Kommentaren gewürzt auch die fantastischen Ausstellungsräume erlebbar machen, in denen einst die Bawag Foundation Kunst-Entdeckungsreisen ermöglichte. (Das hier zuletzt aktive Labor der Angewandten öffnet ab April nebenan in der ehemaligen Bawag-Zentrale in der Postsparkasse)

Hammers liebevolle Offenheit macht auch vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod nicht halt, wo zu „The Art of Dying“ im Untergeschoß auch eine Interviewfilm zum Lebensende noch auf den eSeL wartet. Zu faszinierend waren daneben im Untergeschoß die betörend-verstörenden Röntgenbild-Filme(!), die einen Mann beim Rasieren und eine Frau mit Lippenstift (Found Footage, nicht Inszenierung!) zeigen, und damit nicht nur vorherrschende Rollenklischees, sondern auch den Strahlentod der Gefilmten vermuten lassen. Barbara Hammers Instagram Profil lebt übrigens auch nach ihrem Krebs-Tod 2019 im Netz weiter. Stay restless in peace.

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