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eSeL Foto: Raffaela Bielesch "Object attidude" (xE – Ausstellungsraum der Akademie der bildenden Künste Wien, 8.3.2021)

Die Künstlerin Raffaela Bielesch versucht im xE der Akademie ihre Leidenschaft für das Horten von Dingen in Fotos zu übersetzen. In der letzten Woche führt sie die visuelle Inszenierung von Besitzgier zurück ins Universum von „Willhaben“. Nomen est omen. Mitgebrachtes wurde zum Ausstellungsfinale für Inserate auf der Gebrauchtwaren-Plattform aufbereitet. eSeL nutzte ihr „artistic service“, um einige Bücher, die symptomatisch für unseren Büchertauschschrank der letzten Wochen waren, zu inventarisieren – und sie dann über willhaben zu verschenken.

Plötzlich standen mitten im Jänner die Massen vor der Tür der eSeL REZEPTION. Mit Einkaufswagerln bewaffnet hatten SEHR viele Menschen auf jenes irreführende Foto in der “Bezirkszeitung” reagiert, mit dem unser delikater und feinst kuratierter „Kultur = Gut“-Bücherschrank als meterlanges Paradies für Schnäppchenjäger:innen inszeniert und über die Massenauflage der Bezirkszeitung wienweit als perfektes Spaziergang-Ziel empfohlen wurde.

Der eSeL ist ja dankbar, wenn Menschen außerhalb der eigenen Bubble plötzlich in Scharen zu ihm pilgern. Aber die komplette „Verlorene Zeit“ eines Proust nicht ohne Protest gegen einen Konsalik tauschen zu wollen, konfrontiert mich schon mit dem eigenen Kulturdünkel. Trotzdem wurde tapfer alles gegen alles getauscht, solange die Tauschenden versicherten, dass sie aus eigener Erfahrung und Empfindung davon überzeugt seien, das mitgebrachte „Kulturgut“ könnte tatsächlich irgendjemandem Freude machen. So wie wir das ja über unsere verschenkten Kunstkataloge auch so gerne behaupten. Und so wurden diese aus dem MQ in alle Himmelsrichtungen davon getragen.

Unerreichbare Kultur. Vermutlich ging es den vielen Bücherkasten-Besucher:innen im Angesicht von Kunst- und Literaturgustostückerln ähnlich wie dem eSeL mit diesem Literaturklassiker aus dem 16. Jahrhundert (im italienischen Original). eSeL konnte sich einfach nicht überwinden, mich darüber schlau zu machen, warum ich das willhaben sollte. So konnte dieses Buch seit seiner generösen Einbringung am ersten Tag durch den noblen Stifter C.P. (der zugleich Anstifter zur Tauschbörse ist) niemandes Herz erobern. eSeL fürchtet, das Buch wird trotz seiner Relevanz im Literaturkanon auch auf willhaben weiterhin ein ungelesenes Dasein fristen.

QKanon. Dieses Buch wurde scheinbar viel zu viel gelesen. Derlei schonungslose Wahrheiten über „PSI-Fälle“ scheinen beispielhaft für all jene Lebens-, Liebes, - und auch Erziehungsratgeber, die uns im Tausch für einige tolle Fundstücke in unserem Bücherschrank hinterlassen wurden. Hierin erfährt man zusätzlich, wie „in Wirklichkeit“ übersinnliche Mächte unser Leben beherrschen. Mehr davon gibt’s im Internet oder auf den zunehmenden Coronaleugner-Demos. Nur den Lebensratgeber des späten Thomas Brezina hat sich der eSeL noch behalten, weil insgeheim hoffe ich, dass man darin erfährt, wie man durchs Schreiben reich wird.

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Foto: eSeL (artist) & Raffaela Bielesch (Books)

TVkulturgeschichte. Auch andere Kulturträger als „Bücher“ waren „erlaubt“. Die letzte Staffel von LOST war vermutlich auch für andere eine intensive Fernsehserien-Erfahrung aus einem früheren Leben. Das mindbending Storytelling auf der Meta-Ebene (Flashbacks, Flash Fowards, Flash Sideways – je nach „Season“), gepaart mit Online-Schnitzeljagd nach letztlich uneingelösten Versprechungen war wirklich großes, frühes Fernsehkino mit Internetanbindung.
Allein, dass die armen Inselgesterandeten alle … let me google this… alle 108 minuten einen geheimnisvollen Code eingeben mussten, ohne dass man jahrelang erfahren durfte, wofür das vielleicht doch gut war, war immerhin dafür gut, dass niemand den Macher:innen das große Finale zum Abschluss der Serie je verziehen hat. Diese Verletzung geht scheinbar so tief, dass dieses generöse DVD-Paket tatsächlich den ganzen Büchertauschkasten lang bei uns liegen geblieben ist. Wiewohl: wer hat heutzutage überhaupt noch einen DVD-Player?

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Foto: eSeL (artist) & Raffaela Bielesch (Books)

Die verbleichende Instanz. Ein veralteter Duden als perfekte Hommage an sterbende Medien, die trotzdem auch das Digitalzeitalter überdauern werden. Dass die CD-Rom tatsächlich futsch ist ist wurscht, weil das dafür notwendige Laufwerk für diese aussterbende Datenträger-Gattung kaum mehr in Laptops verbaut wird. Immerhin konnte Duden durch die späte Kanonisierung genderbewusster Schreibweise unlängst die Erregungsöffentlichkeiten der Social Media Kanäle beschäftigen.

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Foto: eSeL (artist) & Raffaela Bielesch (Books)

Der Geheimkanon. Hermann Hesse. Fast jede/r hat ihn in der Pubertät gelesen – und erste Schritte in Richtung Philosophie versucht (oder zumindest Deutsch-Hausübungen darüber verfassen müssen). Die Hesse-Phasen zur Bewältigung der pubertätsbedingten Zerissenheit wurden später natürlich gnadenlos verleugnet. „Narziss und Goldmund“ und „Das Glasperlenspiel“ hat der eSeL jedenfalls noch gut in Erinnerung.

Wir schließen die Bücherbörse übrigens demnächst offiziell, weil wir den „eSeL SHOP für Brauchbare Kunst“ wieder mit gefinkelten Kunst-Multiples befüllen. Alles was übrig bleibt wandert zu Caritas – oder kann nächste Woche noch Mo-Do 12-18h gerne bei uns abgeholt werden.

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