Discover your inner Beuys

eSeL Foto: Joseph Beuys - Denken. Handeln. Vermitteln (Belvedere21, 4.3. - 13.6.2021)

eSeL Foto: Joseph Beuys - Denken. Handeln. Vermitteln (Belvedere21, 4.3. - 13.6.2021)

Sei’s der 100. Geburtstag des Tausendsassas, seine überraschend starke Beziehung zu Wien, eine neue Eiche zusätzlich zu den 7000 oder doch die Rückkehr zum Schamane-und/oder-Scharlatan-Diskurs: Die Joseph Beuys Ausstellung im Belvedere 21 ist idealer Anlass, sich wieder auf den „eigenen“ Beuys einzulassen. Der Mann dachte und machte vieles, das heutzutage State of the Art ist – auch im gesellschaftlichen Alltag.

I like Beuys and Beuys likes me… Es tut wohl, das legendäre Beuys-mit-Kojoten-Video jenseits der weltberühmten Standbilder sehen zu können. Es beginnt mit einer langen Anfahrt mit der Ambulanz vom Flughafen direkt in die Galerie. Beuys betritt Amerika nur mit geschlossenen Augen, um geschützt von der Außenwelt in eine Filzdecke gehüllt seinen Erstkontakt mit den neuen Kontinent über die Schwelle des Kunstsystems zu betreten – und dort dann dem ikonischen Animal(ischen) zu begegnen.

Generell kann man hier wunderbar einsehen, wie ein wesentlicher Co-Autor des „erweiterten Kunstbegriffs“ sich in vielerlei Werkform zu verfestigen verstand für das „Betriebssystem Kunst“ (Peter Weibel ist ja auch so einer): Ob in Form der zelebrierten Schokoladeflecken auf Hotelbettwäsche oder doch klassisch gerahmt als textreiche Zeichnungen. Beuys’ Ideen kannten kaum Grenzen, oft auch ohne Editionsbeschränkung. Die dazu passende Edition von Holzkisten mit handschriftlicher „Inspiration“ ist inzwischen trotzdem sauteuer – und in der Schau zu sehen.

Der Kreislauf der Honigpumpe ist übrigens längst unterbrochen und pumpt als Original vor allem Aura in den Äther. Die Einzelteile liegen im Belvedere21 herrlich räudig am Boden herum – mit Absicht genau dort, wo die „Arthandler“ sie beim Antransport abgestellt hatten.

Die Leihgeber:innen treten deutlicher zum Vorschein: Unmengen von Konzett, raumgreifend das mumok in der Sektion über Beuys in Wien, Ropac erfährt man als Nachlassverwalter, aber auch das Dom Museum dank dem beeindruckenden Kunstgeburtshelfer Otto Mauer ist hier nicht zu übersehen. Bekam der Monsignore eigentlich je eine umfassende Würdigungsschau irgendwo? (Na gut, er hat immerhin sein eigenes Dommuseum >;e)

Ebenso überdeutlich die Fotocredits der damaligen Kunst-Dokumentaristen (darunter auch der szene-umtriebige Peter Baum, ein eSeL der Sechzigerjahre). Die alte Meister haben stets auch etwas über die Gegenwart zu erzählen. Wie der verstorbene Meister dem toten Hasen die Kunst erklärt, ist übrigens „im Original“ ein sprachloses, dennoch vielsagendes Bewegtbild...

Auch die neu gepflanzte, vermutlich nicht die siebentausendunderste Eiche im Garten des Belvedere 21 funktioniert in ihrer lebendigen Symbolkraft besser als die „echte“ documenta-Eiche, die nur mehr als Leiche von der Rasenfläche im Archiv der Angewandten liegt und mit Absicht nicht mumifiziert in der Schau gezeigt wird.

Die Koketterie mit der Professur in Wien zeigt mehr Beuys´ strategisches Verhandlungsgeschick als Liebe zu Wien. Es galt um die Professur in Düsseldorf zu kämpfen, wo Beuys „jedem“ - insgesamt mehr als 300 Anwärter:innen – trotz Ablehnung bei der Aufnahmeprüfung über ein Kunststudium bei ihm ermöglichte, tatsächlich offiziell „ein Künstler“ zu… werden. Diese Strategie fand in Form der legendären Franz-Graf-Klasse dann erst später ihren Niederschlag in Wien (Graf hatte übrigens eine tolle Solo-Ausstellung mit ganz vielen anderen Mitwirkenden im… damals noch... 21er Haus).

Während uns der Großmeister als verallgemeinerte Revolution am Eingang zumindest auf einem Plakat entgegenschreitet, wartet um’s Eck bereits ein Werbesujet für dessen tatsächlichen Marsch durch die Mühlen der gesellschaftspolitischen Instanzen: Beuys war ja bekanntlich Gründungsvater der Grünen (Der Song „Sonne statt Reagan“ bleibt uns in der Ausstellung zum Glück erspart).

Daneben lädt eine Lounge zur Aktivierung des eigenen Selbst: Das Drucken des eigenen Katalog-Covers ist ein würdiges Partizipations-Tool für die Generation DIY im „Prosumer“-Zeitalter. Die hier wunderbar für High-End-Linoldruck eingesetzte Laser-Cutter-Technologie macht aus jedem Mensch zumindest... einen Printer.

Der „öffentliche Arbeitsplatz“ mit WiFi und Stromanschluss zum Verweilen im wunderbaren Gelb des luftigen Ausstellungs-Ambiente bietet ein herrlich sonnendurchflutetes „Shared Office“ mitten im Kunstbetrieb, tatsächlich für jedermensch – und illustriert zugleich schmerzhaft, dass „die Revolution“ ihre Kinder längst als digitale Dauerdienstleister:innen gefressen hat.

Es war trotzdem schön, die Fotos der Ausstellung dort und nicht daheim zu bearbeiten. Jeden Mittwoch Nachmittag arbeitet hier übrigens der Kurator der Ausstellung, Harald Krejci, und dieser Mann ist nach drei Jahren fürwahr ein wandelndes Beuys-Lexikon. Machen Sie von seinem freundlichen Wesen und umfassenden Wissen Gebrauch! eSeL ist gespannt, wie lange er das durchhält... >;e)

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