Sich im Sinnlichen erforschen

eSeL Foto: Life constantly escapes (Kunstraum Niederösterreich, 26.2. - 34.2021)

eSeL Foto: Life constantly escapes (Kunstraum Niederösterreich, 26.2. - 34.2021)

Der Kunstraum Niederösterreich (in Wien übrigens) ist ein wunderbarer Ort, an dem Feminismus nicht Science Fiction ist (aber beides mitgedacht wird). Eine junge Szene von Künstler:innen und Kurator:innen erprobt und praktiziert Empowerment. Medienkunst wird wie selbstverständlich in die Bildende Kunst eingebunden. Auch als Nest für Performance (H13 Award!) inszeniert sich der erste, lange Eröffnungsabend seit Lockdown-Lockerung als Erfahrungsraum zum wandelnden Erforschen.

In der kommenden Ausstellung „Life Constantly Escapes“ befällt selbst den wissbegierigen eSeL eine seltene Gelassenheit, mich an den sinnlichen Kunst-Angeboten und deren Assoziationsoptionen zu erfreuen, ohne jedoch das Bedürfnis zu verspüren erklären zu müssen, von welcher/m der “artists and poets” hier etwas stammt (oder auch mit welchem ursprünglichen Hintergedanken). Im hinteren Raum wurde formschön ein massives Loch in die Wand gedroschen, daneben liegen Comics zum Entdecken mittels Entrollen. Funkkopfhörer laden zu audiovisueller Erkundungsreise. Am anderen Ende verkürzt eine aufwändige Stellwand den viel zu langen Raum, auf dessen räudiger Rückseite fotografisch die Sonne plakativ aufgeht. Deren wahres Licht wandelt derweil durch gefärbte Scheiben von aussen über Boden und Objekte. „Lens flare“ scheint überhaupt ein großes Thema.

Für eSeL dominieren die Reflexionen auf und über herumliegende Papierflieger aus Metall, für andere sind es vielleicht die Handlungsanweisungen auf schrägen Sockeln, die ich erst später überhaupt entdeckt hatte: „Build a world with selected detail!“, steht darauf in Handschrift. Verschriftlichten Einstieg bieten auch herumliegende Sci-Fi-Bücher einer gewissen Octavia Butler, die als inhaltliche Inspiration dienen dürften (und dem eSeL als Lektürempfehlung für daheim). In ihren Vitrinengefängnissen daneben hauchen derweil üppige Blumenbouquets ihr Leben in Form von Kondensdampf auf Glas aus – und erinnern an die eigenen Brillengläser hinter FFP2-Maske.
Blumenvitrinen und Flieger stammen, wie sich im Gespräch später heraustellt, von jener Künstlerin, die eSeL vor Jahrzehnten noch als quirlige Street-Art-Aktivistin während ihrer Wien-Residencies erleben durfte. Sie wirkt hier über ihr Werk, das gereift Vergänglichkeit atmet, während sich Gedichte einer anderen darin spiegeln, als wäre deren Zusammenarbeit stets geplant gewesen. Und plötzlich entstehen Gespräche über Gedanken zur Welt und es frohlockt dem eSeL beim Heimradeln das Wort „Haecceitas“ in der Brust – jenem Deleuzianischem Verspüren von Selbst, das sich jauchzend stets auf’s Neue nur im Moment vergegenwärtigt. Eintauchempfehlung.

Nachtrag: Ich hab den Pressetext jetzt doch noch gelesen, und ich fürchte die sehen das alles ein bisserl weniger optimistisch als der eSeL. Auch gut so.

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