Ludwig Wüst

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Ludwig Wüst ist ein Solitär, eine der ungewöhnlichsten Erscheinungen in der österreichischen Filmlandschaft. In Bayern geboren und aufgewachsen, kommt der gelernte Tischler 1987 nach Wien, wo er sich bald als Theaterregisseur einen Namen macht. Seit 2002 ist er auch und vor allem Filmemacher. Wüsts Unbedingtheit zeichnet sowohl radikale Ästhetik als auch eine große Zärtlichkeit aus, mit der er seinen Figuren begegnet und immer tiefer schürfend die conditio humana auslotet. Wir begleiten seinen filmischen Werdegang nun schon seit einigen Jahren: Zum 60. Geburtstag des Künstlers schenken wir ihm und uns eine umfassende Werkschau mit einer kleinen Carte blanche sowie ein neues Buch.
Ludwig Wüst und seine Mitstreiter:innen werden bei zahlreichen Vorstellungen für Gespräche anwesend sein.
Auf dem Weg zur Menschwerdung
Schon in seiner Kindheit liest der in einem kleinen Dorf in Niederbayern in eine Großfamilie geborene Ludwig Wüst begeistert Comics und beginnt, selbst zu zeichnen und zu malen. Mit 18 Jahren und dem Ende seiner Schullaufbahn stellt er seine künstlerischen Ambitionen allerdings ruhend – er erlernt das Tischlerhandwerk, will gewissermaßen sesshaft werden, ein beschauliches Leben führen.
Es kommt allerdings anders: 1987 landet er in Wien, wo er kurz darauf Schauspiel und Theater als Ausdrucksmöglichkeit für sich entdeckt und eine entsprechende Ausbildung beginnt. Nach einigen fulminanten Bühnenauftritten und -arbeiten in den 1990er-Jahren folgt im Jahr 2002 der erste Film, ÄGYPTISCHE FINSTERNIS, nach einem Text von Ingeborg Bachmann – eine logische Konsequenz für den obsessiven Kinogeher, zu dem sich Wüst in dieser Zeit auch entwickelt hat.
In den 13 bislang fertiggestellten Filmen (zuzüglich einiger apokrypher Werke) verhandelt Wüst stets Grundsätzliches: Im Mittelpunkt steht der Mensch im Bezug zu seiner Vergangenheit, seinen Ängsten, seiner Umgebung und seinen Mitmenschen. Seine Figuren sind nie Schablonen, geschweige denn Klischees, und schon gar keine Mythen, sondern stets im Hier und Jetzt verortet. Sie vereinen ein »Sowohl-als-auch« in sich, sind angreifbar und verletzlich – und scheuen sich nicht, diese Verletztheit nach außen zu tragen. Auf der anderen Seite verweisen die Filme auch stets auf ihre Materialität, ihr Gemacht-Sein: Der handwerkliche Aspekt, der von Wüsts »anderem« Leben als Tischler herrührt, überträgt sich auf die Form seiner Filmarbeiten.
Ob der Gegensatz von kontrastreichen und -armen Videobildern in seinem Erstling, die starre oder bewegte lange Einstellung in TAPE END bzw. DAS HAUS MEINES VATERS, das nahezu monumentale Cinemascope in AUFBRUCH, die Body-Cam in 3.30 PM, das körnige 16-mm-Bild in I AM HERE! oder auch der vielgestaltige Look seines bislang aktuellsten Films #LOVE – das zeugt von einer unbändigen Freude am Experiment und von dem Anspruch, sich mit jedem Film immer wieder neu zu erfinden und ästhetische Wagnisse einzugehen: »Man kann etwas bewegen, man kann etwas formulieren, und man kann auch auf gefährliche Wege gehen und wieder sicher zurückkommen. Sich selbst zu erkennen ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist notwendig, um zu erkennen, wer man eigentlich ist. Diese Menschwerdung möchte ich mit meiner Arbeit begleiten. Meine eigene, die all jener, die bei meiner Arbeit beteiligt sind und die aller Zuschauer, die meine Arbeit sehen.«
Kurator: Florian Widegger