Planet Hongkong - Kino in Bewegung

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“Das Hongkong-Kino ist eine der Erfolgsgeschichten der Filmhistorie.” Mit diesem Satz begann der 2024 verstorbene US-Filmwissenschaftler David Bordwell das erste Kapitel seines bahnbrechenden Buchs Planet Hong Kong: Popular Cinema and the Art of Entertainment. Als Bordwells Band im Jahr 2000 erschien, war der große Boom des Hongkong-Kinos eigentlich schon am Abklingen, aber seine weltweite Sichtbarkeit am Zenit. Wong Kar-wai, durch Filme wie Chungking Express (1994) oder Happy Together (1997) zum preisgekrönten Starkünstler unter den Regisseuren Hongkongs geworden, legte mit dem eleganten Liebesfilm In the Mood for Love (2000) einen Instant-Klassiker vor. Der souveräne Stilist Johnnie To feierte mit seiner eigenen Produktionsfirma Milky Way den internationalen Durchbruch dank einfallsreicher Thriller wie Running Out of Time (1999) und The Mission (1999). Action-Meister John Woo, der mit The Killer (1989) ein definitives und definierendes Zentralwerk des Hongkong-Booms abgeliefert hatte, war es in der darauffolgenden Dekade gelungen, sich in Hollywood zu etablieren, wo er mit Face/Off (1997) sogar einen Blockbuster voller irrer Hongkong-Elemente realisieren konnte.
Aufgegangen war die Saat der “Neuen Welle”: Nachdem große Studios wie Shaw Bros. die von Mandarin-Sprache dominierte Produktion bis Ende der 1960er beherrscht hatten, sorgte das Martial-Arts-Kino der 1970er für einen Umbruch, wobei Superstar Bruce Lee mit Filmen wie Fist of Fury (1972) zur Speerspitze eines Welterfolgs wurde, während der Übergang zur kantonesischen Sprache das Selbstbewusstsein der Industrie stärkte. Im Zuge einer Aufbruchsbewegung etablierten sich Ende der Dekade im rein kommerziell orientierten Kino der Metropole mit der Hong Kong New Wave dabei eine künstlerische Ambition und Vielfalt, die mit Namen wie Ann Hui – der wir 2023 eine Retrospektive widmeten – oder Tsui Hark in Verbindung gebracht wurde. Insbesondere Tsui reüssierte nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent: Peking Opera Blues (1986) oder A Chinese Ghost Story (1987) zählten zu den Filmen, die ein aufregendes, in jeder Hinsicht grenzüberschreitendes Kino jenseits der westlichen Normen international durchsetzten. Eine zweite Welle war da schon im Anrollen, repräsentiert etwa durch Queer-Pionier Stanley Kwan (Rouge, 1987) oder eben Wong Kar-wai, der mit As Tears Go By (1988) und Days of Being Wild (1990) Aufsehen erregte.
Alle bisher genannten Filme sind als 35mm-Kopien Teil unserer Sammlung und bilden das Rückgrat einer 28 Filme umfassenden Collection on Screen-Retrospektive, mit der wir uns sowohl einen Herzenswunsch erfüllen als auch einer Notwendigkeit gehorchen. Denn mit der Großunternehmung des Umzugs unserer Filmsammlung ins Arsenal sind die eigenen Ressourcen für mehrere Monate blockiert, inklusive der analogen Kopienkontrolle, die sicherstellt, dass die Filme vorführbar sind. Wir haben daher vorab Filmkopien für zwei große Collection on Screen-Reihen ausgewählt, die im März/April und dann im Mai/Juni den Schwerpunkt unseres Programms ausmachen werden, während die restlichen Schienen größtenteils digital bleiben müssen.
Mit unserem Tribut an die Goldene Zeit des Hongkong-Kinos – der Schwerpunkt liegt auf dem Boom der 1980er/90er vor dem Handover an China – würdigen wir auch ein populäres Filmschaffen, das besonders kinematisch ist. Aufgrund seiner stark kommerziellen Ausrichtung, die obendrein exportfähig sein sollte, ist das Kino der asiatischen Metropole extrem visuell, was sich in einer eigenen Ökonomie der Inszenierung niederschlägt, wie sie in unfassbaren Action-Choreografien augenfällig wird. Die kinetische Kraft dieser besonderen Bildsprache lässt sich (bis in die experimentelleren Effekte bei Wong oder Tsui) nur in der analogen Projektion auf Filmkopien richtig würdigen; zugleich markiert der Hongkong-Boom wohl einen Zeitpunkt, zu dem zum letzten Mal ein autonomes nationales Kino Ideen und stilistische Kunstgriffe produzierte, die weltweit aufgegriffen wurden.
So mag in unserer von der Sammlung diktierten Auswahl manches an Wunschfilmen fehlen, gar wichtigste Namen von Jackie Chan bis Ann Hui, doch in Summe gibt sie einen perfekten Überblick über die Vielfalt eines Kinos, das weit über das alte Klischee von der Knochenbrecher-Exploitation hinausreicht, quer durch alle Genres bis zu einem meisterhaften Melodram wie Peter Chans Comrades: Almost a Love Story (1996), das Hollywood (nicht nur) mit dessen eigenen Methoden übertrifft. Im Sinne dieses Überblicks haben wir auch John Woos Hollywoodfilme inkludiert, wiewohl dort etwas abgeschliffen wurde, was zum elektrisierenden Erlebnis des Hongkong-Kinos gehört: Nämlich die so verblüffende wie befreiende Eigenschaft, dass unterschiedlichste Tonlagen kurzerhand zusammengespannt werden, oft von einem Augenblick zum nächsten. Von apokalyptischen Apotheosen in brachialen Slapstick, von harter Action zu zartesten Gefühlen. Man weiß nie, was einen im nächsten Moment erwarten wird. (Christoph Huber)
In memoriam David Bordwell
Einführungen von Christoph Huber an ausgewählten Terminen.