Marianne Fritz hat sich in ihrem Schreiben auf die Ungeheuerlichkeit der Tatsache eingelassen, dass mitten in Europa Millionen von Menschen getötet und Leben in einem Großraum ausgelöscht wurden. Im Schreiben versuchte sie, diesen ganzen Raum zu rekonstruieren. Deshalb mussten es tausende von Figuren sein, tausende von Orten und Jahrtausende, die die Darstellung umspannt. Mitten in all diesen Schichten und durch sie hindurch wachsen die Kräfte der Vernichtung. Mit »Naturgemäß III« (im Untertitel nennt sich der Werkabschnitt: »Noli me tangere / Rührmichnichtan!«) gelangen sie zu schrecklicher Blüte und reichen in den Zeitraum, den die Autorin in ihrem Werk bis dato sorgsam und mit guten Gründen ausgespart hatte: Die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust.
Auf der allerletzten Seite des nachgelassenen Typoskripts (sie trägt die Nummer 5397) findet sich in das Textgelände ein berühmtes Zitat von Walter Benjamin eingepasst. Es beschreibt den »Engel der Geschichte« als eine Figur, den vom Paradies her ein Wind erfasst, der ihn mit dem Gesicht der Vergangenheit zugewandt über die Trümmer der Geschichte trägt. Marianne Fritz gönnt in ihrem Werk dem Engel der Geschichte eine kurze Verschnaufpause. Der Sturm aus dem Paradies legt sich, und der Geflügelte lässt sich auf dem Trümmerhaufen der Menschheitskatastrophen nieder. Gewaltig indes ist der Orkan, der danach (und ich nehme an: irgendwo von der Hölle her) losbricht. Er reißt alles mit sich, was wir bislang von Literatur, ihren Möglichkeiten und Formen wussten. (Klaus Kastberger)
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Michael Pilz’ Video MF – Für Marianne Fritz dokumentiert einen Kamerarundgang durch die seit ihrem Tod (2007) unveränderte Wohnung der Dichterin im Jahr 2008, angeleitet von der privat aufgenommenen Stimme der Autorin.
Marianne Fritz, *1948 in Weiz, Steiermark. Absolvierte eine Bürolehre, holte die Matura nach. Sie lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 2007 als freie Schriftstellerin zurückgezogen und ausschließlich ihrem Werk verpflichtet in Wien. Publikationen: Die Schwerkraft der Verhältnisse (1978); Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani (1980); Dessen Sprache du nicht verstehst (1985); Naturgemäß I (1996); Naturgemäß II (1998).
Klaus Kastberger, *1963 in Gmunden; Literaturwissenschafter, Mitarbeiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, Lehrbeauftragter der Universität Wien. Zahlreiche Arbeiten zur Literatur des 20. Jahrhunderts, Literaturkritiken für Presse, Falter und ORF. Herausgeber der Wiener Ausgabe sämtlicher Werke von Ödön von Horváth (de Gruyter Verlag), dessen Nachlass er u.a. betreut; Mitherausgeber der fünfbändigen Prosaausgabe Friederike Mayröckers. Publikationen (Auswahl): Reinschrift des Lebens. Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht. Edition und Analyse (2000); Nullgeschichte, die trotzdem war. Neues Wiener Symposium zu Marianne Fritz. Wien (Hg. 1995); Im Assessment-Center. Sprache im Zeitalter von Coaching, Controlling und Monitoring (2006); Vom Eigensinn des Schreibens. Produktionsweisen moderner österreichischer Literatur (2007); Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945 (gem. mit K. Neumann, 2007); Peter Handke: Freiheit des Schreibens/Ordnung der Schrift (Hg. 2009).