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Mittwoch, 8.6.2011
Biennale 2011: Review auf die Preview
Biennale 2011: Review auf die Preview

Letzte Woche “war” ja unüberlesbar Biennale in Venedig. Vergangenheitsform ist hier insofern angebracht, weil die Monsterkunstschau zwar bis November läuft, aber das zuhauf angereiste Kunstvolk ziemlich geschlossen in der “Preview”-Woche antanzt - vom gemeinen (Künstler)Fussfolk bis zum - dank vor Ort geparkter Yacht unübersehbaren - Geldadel. Nach uns bekanntlich die Sintflut bzw. die darauffolgende Art Basel.

Das Kernstück der Biennale sind bekanntlich die legendären Länder-Pavillons in den begrünt angestaubten Giardini. Ein “Gratiskunstprater” quasi - stecken in jedem Pavillon doch mindestens einpaarhunderttausend Produktionskosteneuro (im Österreichbeitrag inkl. allem Pipapo sogar deren 700). Bei mehr als 50 teilnehmenden Nationen bekommt man in Venedig - weit über die Giardini hinaus - ein herrlich heterogenes Potpourri serviert, das alle, wirklich alle Facetten zeitgenössischer Kunst abdeckt. Die direkte Nachbarschaft der Pavillons bietet - sprichwörtlich: en passant - eine Wahrnehmungshilfe, die neben den Kunst-Inhalten zugleich die jeweilige kuratorische und künstlerischer Herangehensweise über den direkten Vergleich sichtbar macht. Sowas mag der eSeL.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Versuche der pro Land entsandten Künstler/Innen/grupppen, den strukturellen (und baulichen) Vorgaben ihrer architektonisch bedingten nationalen Zuweisung zu entkommen. Dänemark hat das Nationenraster heuer mit einer internationalen Gruppenschau “Speech Matters” vorweg ad acta gelegt und u.a. durch die Beteiligung der amerikanischen Comiclegende Robert Crumb auch gleich die Disziplinengrenzen vom Tisch gefegt (Video).

eSeL.at - Vor US Pavillon

Verblüffend ist - auch an den Previewtagen - die gezielte Bildung von enormen Warteschlangen. Nicht immer steht die Länge der Schlange in direktem Zusammenhang zum Fassungsvermögen oder Qualität der angeblich bestürmten Pavillons. Umgekehrt bot heuer beispielsweise die Schlange, die sich im Dreiländereck zwischen Japan, Deutschland und Grossbritannien zu Recht gebildet hatte, gute zwei Stunden Zeit mit wildfremden Kunstmenschen ins Gespräch zu kommen, die im Kastenwesen Kunstbetrieb oft unter ihresgleichen bleiben.

eSeL.at - Schlingensief Pavillon

Zombiekunst?
Gelohnt hat sich das Warten in jedem Fall bei (und für) Deutschland (Goldener Löwe). Ebenso wie im ägyptischen Länderpavillon, deren Teilnehmer Ahmed Basiony im Jänner auf dem Tahrirplatz erschossen wurde, “bespielt” ein nimmermüder (un)Toter den deutschen Pavillon. Deutschland bahrt Schlingensiefs Oeuvre einem sakral inszenierten Kirchenraum auf. Mit Arbeiten und Filmen gepflasterte Wände schmücken die Gedenkmesse, die damit demVorwurf bloss Schlingensiefs-Imitat zu sein elegant entkommt.

Heuer häufig sind Rückgriffe in/auf Archive historischer Positionen: Andrei Monastyrski´s “Kollektive Aktionen” für Russland oder die aktive Auseinandersetzung Dominik Langs mit dem bildhauerischen Werk seines Vaters Jiri im tschechisch/slowakischen Pavillon (wieder ein historisch bedingte Nationalitätenabsurdität).

eSeL - Giardini ILLUMInazione

Für die Großausstellung des Gastgeberlandes Italien griff Biennale-Direktorin Bice Curiger (die übrigens auch Chefredakteurin des Parkett-Kunstmagazins ist) bis zu Tintoretto zurück - und in der konfusen Schau am Giardinigelände leider auch oft daneben. Dessen Fortsetzung - der linear abzuschreitenden Ausstellungs-Parcours am Hafengelände Arsenale - ist mit seinen offensichtlichen Wechseln zwischen eyecatchernder Effektkunst (Turrell, Wachsstatuten als Riesenkerzen), entschleunigenden Ruhezonen (u.a. Realtime 24h filmischer Uhrzieiten von Christian Marclay) und konzentrierter Kunstclusterung wunderbar gelungen. Darin verstreut bündeln heuer so genannte “Para-Pavillons” die Aufmerksamkeit, Clusterungen die unter der Obhut jeweiliger MikrokuratorInnen das Prinzip der Länderpavillonprinzip zusätzlich aufweichen - einer davon übrigens für und von Franz “Goldener Löwe fürs Lebenswerk” West bzw. seinen Freunden.

eSeL.at - Turkish Pavillon - Plan B

Im Anschluß sind am malerischen Hafen etwas unglücklich “spätere” Teilnehmer-Länder aufgefäldet - darunter die wunderbare Wasseraufbereitungsinstallation der Türkin Ayşe Erkme. Daran wurde heuer ein eigenwilliger Wurmfortsatz ein zweiter Italien-Beitrag gehängt. Der schlecht beleumundete Berlusconi-Freund Vittorio Sgarbi lässt dort unter dem angriffigen Titel “L’arte non é cosa nostra” (“Kunst ist nicht unsere Sache” bzw. “Kunst ist keine Mafia”) 250 Mikrokuratorinnen völlig frei 250 Künstler jeglicher Provenienz zusammen würfeln  - und bot damit das zumindest mannigfaltigste Gegenstück als Gegenmodell zu (und indirekt zugleich Rechtfertigung für die) kuratierten Qualitätsauslesen (Interview in monopol).
Auch daran sah und sieht man: Nur Kunst zu liefern, ohne als Künstler auch auf die Umgebung zu zu reagieren bzw. in diese aktiv gestaltend einzugreifen reicht im 21. Jahrhundert auch jenseits der Biennale einfach einfach nicht mehr - und das ist auch gut so.

eSeL.at - Dutch Pavillon

Der Eingriff in den Pavillon wird im eigenen Nationspavillon somit zur Bürgerpflicht . Den Sieg trägt in dieser Kür für den eSeL eindeutig der “Dutch Pavillon” davon. Darin werden die Besucher in ständig wechselnde Bühnensituationen mit Perspektiven der darin verstreuten Künstlerinnen-Community eingeflochten. Thomas Hirschhorns Assoziationsketten aus Klebeband, Handyfolter, Medienbilderfluten und Kristallwelten im Schweizer Pavillon laufen in ihrer raumgreifenden Assoziationsdichte sowieso ausser Konkurrenz. Wegen der allzu langen Schlage hatte eSeL leider kein Möglichkeit bis zum großbrittanischen Pavillon vorzudringen, dessen Einbauten in höchsten Tönen gelobt wurde.

eSeL.at - Schinwald Pavillon

Österreich-Beiträger Markus Schinwald hängt für sein Labyrinth im Pavillon die neuen Wände von der Decke ab. Erst unterhalb der Kniehöhe wird einen Überblick frei gegeben. Das klingt aufwändig und teuer (ist es auch) entwickelt aber spätestens in der (aufwändigen) Schlichtheit spätestens dann an Eleganz (Fotos), wenn man die Situation zB mit dem bescheidenen Boden-Labyrinth im Russland Pavillon vergleicht (dort wiederum durch einen Raum mit leeren Gulag-Betten verstörende Wirkung hervorrufen) .

In diesem Labyrinth hat Schinwald sein Können in in allen Medien ausgebreitet. Und wenn Schinwald seine bescheidene Art nicht in bei der Pressekonferenz persönlich zur schüchternen Schau gestellt hätte, könnte man meinen es sei gar zu elegantes Kalkül, wie hier Skulptur, Malerei und Film als Anschauungsmaterial für jeden InteressentInnen- und Käuferkreis durch gekonntes Verbergen ideal präsentiert werden.
(Zusätzlich ist im Paillon übrigens eine Webcam des Südtiroler Künstlers Hannes Egger versteckt, die Venedig virtuell mit dem Großvenediger verbinden soll.)

Schinwalds Umbauten lösen ein Standarddilemma bildender Kunst im Eventkontext: Die Denkwelten der Kunst erfordern ein Innehalten, das besondern im Gewusel von Venedig gezielt hergestellt werden muss. Schließlich muss der gehetzte Biennalebesucher gleichzeitig Ausschau halten, wo es noch schickere UmhängeTasche zu holen gibt (ein Phänomen das heuer sicher seinen Höhepunkt erreicht hat) oder wer gerade mit wem klüngelt. (ein zeitloses Kunstbetriebs-Phänomen)

eSeL.at - Eröffnung Austrian Pavillon

Tatsächlich breitete sich gerade bei der Eröffnung des österreichischen Pavillons auf der Wiese davor ein wunderbares Panorama sozialer Interaktionen aus. Einen lauen Sommernachmittag lang flossen auf der Wiese die eingeflogenen nationalen Netzwerke und internationales Zufallspublikum in einander - um dann doch lieber unter sich zu bleiben. Eigenwillig präsent der Freundeskreis der medial stark präsenten Kommissärin Eva Schlegel (Bundesministerin Schmieds aktuelle Vorliebe, Künstlerinnen andere KünstlerInne betreuen zu lassen findet der eSeL weiterhin falsch)

Die Mär der “gemütlichen” wie weinseligen Kunstnation die bei ein, zwei, vielen G´Spritzten wunderbar Kontakte unter einander knüpft, bleibt trotzdem gewahrt.
Die Folge der allzu großzügigen Einladungspolitik made in Austria: die direkt ausgeteilten Weinflaschen bei der offen zugänglichen Österreicherparty (Passwort: “i come from Eva Schlegel”) im todschicken Hotel Ciprani waren um 22 Uhr schon alle weggeputzt, die offene Party damit de fakto zu Ende.

Die Biennale gibt den Blick in die Eingeweide und damit auf die wahren Powermonger im Kunstbetrieb frei, geöffnet bleiben die roten Kordeln trotzdem nicht. Wer unter sich bleibt, hat mehr - nicht nur zu trinken.

eSeL.at - Glasstress

ps. Der offene Informationsaustausch wird durch die geringe Verbreitung von Gratis-WLAN zusätzlich gehemmt. Twittern auf Roamingkosten macht wenig Spass, damit bliebt das Empfehlen und Erlauschen (von Parties wie Ausstellungen) vorwiegend auf Mund-zu-Mund Kontakte beschränkt.

Daher soll eine repräsentative Übersicht über alle die weiteren Angebote quer durch die Laguenenstadt an dieser Stelle gar nicht erst versucht werden. Gerade diese Indvidualerkundungen, die neben der Kunst auch alte Palazzi (von Innen!) besichtigen lassen sind sicher eines der Highlights jeder Venedigbiennale:

eSeL´s Lieblingsentdeckungen:

  • Big Bambu Installation
    (neben Guggenheim Foundation - nur bis 25.6.2011)
    Link | Fotos
    Die dazugehörige Glassstress Ausstellung vis-a-vis kann man sich getrost sparen. Dort gibt es jene aalglatte Kunstmarktkitsch aus… Glas.
  • Karla Black
    Schottische Beitrag als Assoziationskette mit den Mitteln von Lush-Shops. Geruchsexplosion.
    Link | Fotos
  • TAR. Palazzo Fortuny
    Ab dem 2. Stock wird der malerische Palazzo zur proppenvollen Wunderkammer. Kunst zwischen Bühnenelementen, Skizzen und rohen Wandstücken
    Link | Fotos

  • Future Art Generation Prize in der Pinchuk Art Foundation
    Mäzen zahlt superdotieren Kunstpreis (Die Kosten für die üppige Juryk allein…). Zwar wenig "zukunfts"-weisend - aber eine enorm hohe Dichte guter Arbeiten
    Link | Fotos

  • eSeL´s Fotos Biennale

 


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