Letzte Woche “war” ja unüberlesbar Biennale in Venedig. Vergangenheitsform ist hier insofern angebracht, weil die Monsterkunstschau zwar bis November läuft, aber das zuhauf angereiste Kunstvolk ziemlich geschlossen in der “Preview”-Woche antanzt - vom gemeinen (Künstler)Fussfolk bis zum - dank vor Ort geparkter Yacht unübersehbaren - Geldadel. Nach uns bekanntlich die Sintflut bzw. die darauffolgende Art Basel.
Das Kernstück der Biennale sind bekanntlich die legendären Länder-Pavillons in den begrünt angestaubten Giardini. Ein “Gratiskunstprater” quasi - stecken in jedem Pavillon doch mindestens einpaarhunderttausend Produktionskosteneuro (im Österreichbeitrag inkl. allem Pipapo sogar deren 700). Bei mehr als 50 teilnehmenden Nationen bekommt man in Venedig - weit über die Giardini hinaus - ein herrlich heterogenes Potpourri serviert, das alle, wirklich alle Facetten zeitgenössischer Kunst abdeckt. Die direkte Nachbarschaft der Pavillons bietet - sprichwörtlich: en passant - eine Wahrnehmungshilfe, die neben den Kunst-Inhalten zugleich die jeweilige kuratorische und künstlerischer Herangehensweise über den direkten Vergleich sichtbar macht. Sowas mag der eSeL.
Tatsächlich gibt es zahlreiche Versuche der pro Land entsandten Künstler/Innen/grupppen, den strukturellen (und baulichen) Vorgaben ihrer architektonisch bedingten nationalen Zuweisung zu entkommen. Dänemark hat das Nationenraster heuer mit einer internationalen Gruppenschau “Speech Matters” vorweg ad acta gelegt und u.a. durch die Beteiligung der amerikanischen Comiclegende Robert Crumb auch gleich die Disziplinengrenzen vom Tisch gefegt (Video).
Verblüffend ist - auch an den Previewtagen - die gezielte Bildung von enormen Warteschlangen. Nicht immer steht die Länge der Schlange in direktem Zusammenhang zum Fassungsvermögen oder Qualität der angeblich bestürmten Pavillons. Umgekehrt bot heuer beispielsweise die Schlange, die sich im Dreiländereck zwischen Japan, Deutschland und Grossbritannien zu Recht gebildet hatte, gute zwei Stunden Zeit mit wildfremden Kunstmenschen ins Gespräch zu kommen, die im Kastenwesen Kunstbetrieb oft unter ihresgleichen bleiben.
Zombiekunst?
Gelohnt hat sich das Warten in jedem Fall bei (und für) Deutschland (Goldener Löwe). Ebenso wie im ägyptischen Länderpavillon, deren Teilnehmer Ahmed Basiony im Jänner auf dem Tahrirplatz erschossen wurde, “bespielt” ein nimmermüder (un)Toter den deutschen Pavillon. Deutschland bahrt Schlingensiefs Oeuvre einem sakral inszenierten Kirchenraum auf. Mit Arbeiten und Filmen gepflasterte Wände schmücken die Gedenkmesse, die damit demVorwurf bloss Schlingensiefs-Imitat zu sein elegant entkommt.
Heuer häufig sind Rückgriffe in/auf Archive historischer Positionen: Andrei Monastyrski´s “Kollektive Aktionen” für Russland oder die aktive Auseinandersetzung Dominik Langs mit dem bildhauerischen Werk seines Vaters Jiri im tschechisch/slowakischen Pavillon (wieder ein historisch bedingte Nationalitätenabsurdität).
Für die Großausstellung des Gastgeberlandes Italien griff Biennale-Direktorin Bice Curiger (die übrigens auch Chefredakteurin des Parkett-Kunstmagazins ist) bis zu Tintoretto zurück - und in der konfusen Schau am Giardinigelände leider auch oft daneben. Dessen Fortsetzung - der linear abzuschreitenden Ausstellungs-Parcours am Hafengelände Arsenale - ist mit seinen offensichtlichen Wechseln zwischen eyecatchernder Effektkunst (Turrell, Wachsstatuten als Riesenkerzen), entschleunigenden Ruhezonen (u.a. Realtime 24h filmischer Uhrzieiten von Christian Marclay) und konzentrierter Kunstclusterung wunderbar gelungen. Darin verstreut bündeln heuer so genannte “Para-Pavillons” die Aufmerksamkeit, Clusterungen die unter der Obhut jeweiliger MikrokuratorInnen das Prinzip der Länderpavillonprinzip zusätzlich aufweichen - einer davon übrigens für und von Franz “Goldener Löwe fürs Lebenswerk” West bzw. seinen Freunden.
Im Anschluß sind am malerischen Hafen etwas unglücklich “spätere” Teilnehmer-Länder aufgefäldet - darunter die wunderbare Wasseraufbereitungsinstallation der Türkin Ayşe Erkme. Daran wurde heuer ein eigenwilliger Wurmfortsatz ein zweiter Italien-Beitrag gehängt. Der schlecht beleumundete Berlusconi-Freund Vittorio Sgarbi lässt dort unter dem angriffigen Titel “L’arte non é cosa nostra” (“Kunst ist nicht unsere Sache” bzw. “Kunst ist keine Mafia”) 250 Mikrokuratorinnen völlig frei 250 Künstler jeglicher Provenienz zusammen würfeln - und bot damit das zumindest mannigfaltigste Gegenstück als Gegenmodell zu (und indirekt zugleich Rechtfertigung für die) kuratierten Qualitätsauslesen (Interview in monopol).
Auch daran sah und sieht man: Nur Kunst zu liefern, ohne als Künstler auch auf die Umgebung zu zu reagieren bzw. in diese aktiv gestaltend einzugreifen reicht im 21. Jahrhundert auch jenseits der Biennale einfach einfach nicht mehr - und das ist auch gut so.
Der Eingriff in den Pavillon wird im eigenen Nationspavillon somit zur Bürgerpflicht . Den Sieg trägt in dieser Kür für den eSeL eindeutig der “Dutch Pavillon” davon. Darin werden die Besucher in ständig wechselnde Bühnensituationen mit Perspektiven der darin verstreuten Künstlerinnen-Community eingeflochten. Thomas Hirschhorns Assoziationsketten aus Klebeband, Handyfolter, Medienbilderfluten und Kristallwelten im Schweizer Pavillon laufen in ihrer raumgreifenden Assoziationsdichte sowieso ausser Konkurrenz. Wegen der allzu langen Schlage hatte eSeL leider kein Möglichkeit bis zum großbrittanischen Pavillon vorzudringen, dessen Einbauten in höchsten Tönen gelobt wurde.
Österreich-Beiträger Markus Schinwald hängt für sein Labyrinth im Pavillon die neuen Wände von der Decke ab. Erst unterhalb der Kniehöhe wird einen Überblick frei gegeben. Das klingt aufwändig und teuer (ist es auch) entwickelt aber spätestens in der (aufwändigen) Schlichtheit spätestens dann an Eleganz (Fotos), wenn man die Situation zB mit dem bescheidenen Boden-Labyrinth im Russland Pavillon vergleicht (dort wiederum durch einen Raum mit leeren Gulag-Betten verstörende Wirkung hervorrufen) .
In diesem Labyrinth hat Schinwald sein Können in in allen Medien ausgebreitet. Und wenn Schinwald seine bescheidene Art nicht in bei der Pressekonferenz persönlich zur schüchternen Schau gestellt hätte, könnte man meinen es sei gar zu elegantes Kalkül, wie hier Skulptur, Malerei und Film als Anschauungsmaterial für jeden InteressentInnen- und Käuferkreis durch gekonntes Verbergen ideal präsentiert werden.
(Zusätzlich ist im Paillon übrigens eine Webcam des Südtiroler Künstlers Hannes Egger versteckt, die Venedig virtuell mit dem Großvenediger verbinden soll.)
Schinwalds Umbauten lösen ein Standarddilemma bildender Kunst im Eventkontext: Die Denkwelten der Kunst erfordern ein Innehalten, das besondern im Gewusel von Venedig gezielt hergestellt werden muss. Schließlich muss der gehetzte Biennalebesucher gleichzeitig Ausschau halten, wo es noch schickere UmhängeTasche zu holen gibt (ein Phänomen das heuer sicher seinen Höhepunkt erreicht hat) oder wer gerade mit wem klüngelt. (ein zeitloses Kunstbetriebs-Phänomen)
Tatsächlich breitete sich gerade bei der Eröffnung des österreichischen Pavillons auf der Wiese davor ein wunderbares Panorama sozialer Interaktionen aus. Einen lauen Sommernachmittag lang flossen auf der Wiese die eingeflogenen nationalen Netzwerke und internationales Zufallspublikum in einander - um dann doch lieber unter sich zu bleiben. Eigenwillig präsent der Freundeskreis der medial stark präsenten Kommissärin Eva Schlegel (Bundesministerin Schmieds aktuelle Vorliebe, Künstlerinnen andere KünstlerInne betreuen zu lassen findet der eSeL weiterhin falsch)
Die Mär der “gemütlichen” wie weinseligen Kunstnation die bei ein, zwei, vielen G´Spritzten wunderbar Kontakte unter einander knüpft, bleibt trotzdem gewahrt.
Die Folge der allzu großzügigen Einladungspolitik made in Austria: die direkt ausgeteilten Weinflaschen bei der offen zugänglichen Österreicherparty (Passwort: “i come from Eva Schlegel”) im todschicken Hotel Ciprani waren um 22 Uhr schon alle weggeputzt, die offene Party damit de fakto zu Ende.
Die Biennale gibt den Blick in die Eingeweide und damit auf die wahren Powermonger im Kunstbetrieb frei, geöffnet bleiben die roten Kordeln trotzdem nicht. Wer unter sich bleibt, hat mehr - nicht nur zu trinken.
ps. Der offene Informationsaustausch wird durch die geringe Verbreitung von Gratis-WLAN zusätzlich gehemmt. Twittern auf Roamingkosten macht wenig Spass, damit bliebt das Empfehlen und Erlauschen (von Parties wie Ausstellungen) vorwiegend auf Mund-zu-Mund Kontakte beschränkt.
Daher soll eine repräsentative Übersicht über alle die weiteren Angebote quer durch die Laguenenstadt an dieser Stelle gar nicht erst versucht werden. Gerade diese Indvidualerkundungen, die neben der Kunst auch alte Palazzi (von Innen!) besichtigen lassen sind sicher eines der Highlights jeder Venedigbiennale:
eSeL´s Lieblingsentdeckungen:
- Big Bambu Installation
(neben Guggenheim Foundation - nur bis 25.6.2011)
Link | Fotos
Die dazugehörige Glassstress Ausstellung vis-a-vis kann man sich getrost sparen. Dort gibt es jene aalglatte Kunstmarktkitsch aus… Glas.
- Karla Black
Schottische Beitrag als Assoziationskette mit den Mitteln von Lush-Shops. Geruchsexplosion.
Link | Fotos TAR. Palazzo Fortuny
Ab dem 2. Stock wird der malerische Palazzo zur proppenvollen Wunderkammer. Kunst zwischen Bühnenelementen, Skizzen und rohen Wandstücken
Link | FotosFuture Art Generation Prize in der Pinchuk Art Foundation
Mäzen zahlt superdotieren Kunstpreis (Die Kosten für die üppige Juryk allein…). Zwar wenig "zukunfts"-weisend - aber eine enorm hohe Dichte guter Arbeiten
Link | Fotos- eSeL´s Fotos Biennale
foto.esel.at: bis 8.3. | Power Up. Feminismus | Kunsthalle Wien MQ
Updating... Leider wird es an der "Oberfläche" umso weniger sichtbar, je mehr im Hintergrund gewerkt wird - daher diesmal ein kleines Update was derzeit in eSeL´s Kopf spukt. Zu lösen ist zB das Problem, dass man in Ausstellung nicht fotografieren darf - und der eSeL aus Sturheit weiterhin nicht gern Genehmigungen einholt. Das reduziert die Möglichkeit Blickwinkel zu wechseln, wenn die Aufsichtsperson endlich mal nicht auf den Kerl starrt, der ohnehin schon verdächtig mit der Kamera herumschleicht. Für den eSeL wäre die Lösung einfach: Genehmigungen einholen (und mehr Fotos in Ruhe machen können) oder halt nicht mehr knipsen und nicht hinweisen können. Wie sich die Kontrolle über Blickwinkel der erfreulich wachsende Zahl aktiver Kunstblogger (hello!) - im Zeitalter der allgemein grassierenden Alltagsvirtualisierung - entwickeln wird, werden wir weiter ...in Ton und Bild... festhalten. ![]() foto.esel.at: bis 30.1. | Bruce Conner. Die 70er Jahre | Kunsthalle Wien, MQ Der Countdown läuft... Grund für die spontanen Kunsthallenbesuch (ohne vorherige Fotogenehmigungsanfrage) war die Reparatur einer Funktion der eSeL.at-Smartphone-App, die jetzt unter der Rubrik "Programm empfehlungen" (endlich!) laufendes Programm danach sortiert, wie lange es noch in Wien zu sehen ist. (das geht demnächst besser über die neue Website - just watch out) Die beeindruckende Bruce Conner Werkschau läuft nur noch bis Sonntag in der Kunsthalle - ebenso wie Erwin Wurm bei Essl, VALIE EXPORT im Belvedere, Nude Visions im Westlicht, oder die Kristallwelten der Blue Noses Group in der Galerie Knoll (letztere immerhin noch bis 5 Februar). Bei Conner gibt es neben den (leider erfolgreichen!) Versuchen den Mechanismen des Kunstbetriebs zu entfleuchen, progressiven Videoschnitten und der lyrischen Filmmontage eines Atombombentests auch eine Ziegelsteinskulptur, zu der man sich fragen darf, wie viel Facebook-Freunde sie wohl hat (Achtung, Insiderwitz und inhaltlich gewagte Überleitung...)
foto.esel.at: BRUNO | MAK Ausladungspolitik! Aktuelle eSeL Updates erfährt man derzeit besten über Facebook und Twitter. Heute Vormittag hat den eSeL Walter Gröbchen´s (thank you!) dringlicher Vorschlag beschäftigt, Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder (welcome back to you iphone!) zu überreden, die Roy Lichtenstein Vernissage dem Herrn KHG nicht zur Selbstinszenierung für eine mediale "Charme-Offensive" zur Verfügung zu stellen. Nein, da ging es für eSeL nicht um Vorverurteilung, sondern um die Frage, welche Rolle eine staatliche Institution in der Herstellung von Bildern für und in den Köpfen der Menschen spielen will. (insbes. wenn damit das Vertrauen in demokratische Mechanismen wie Gesetzsprechung genauso wie -gebung(!) verbunden ist). Schröder hat dazu immerhin schon eine Stellungnahme abgegeben. Mehr dazu hier: Eigene Meinung postet man am besten direkt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder ins facebook Profil.
foto.esel.at: Eva Schlegel: In Between | MAK Visuelle Repräsentation #2 And the Austrian Pavillon goes to...Markus Schinwald. Parallel gibt´s und gab´s rund um die kommende Beitrag zur Österreich Biennale einiges zu recherchieren.
Das einzige Foto das eSeL von Schinwald unlängst gekipst hat ist für den Präsentationsrahmen dieses Newsletter leider zu privat - daher gibt´s nur Bildverweise zur Ausstellng der Pavillon-Kuratorin Eva Schlegel. Dazu sei (selbst)kritisch angemerkt dass justament jene Aufmerksamkeits-Veschiebungen einer der Gründe ist, warum der eSeL die Praxis, KünstlerInnen den österreichischen Biennale-Beitrag auswählen zu lassen in der Spezialökonomie der Aufmerksamkeit des Kunstbetrieb nicht schätzt. Der andere, weiteraus wichtigere Grund ist, dass es gute KuratorInnen gibt, - und die neben Aufmerksamkeit auch Geld zu verdienen verdienen würden.
foto.esel.at: Karl Kühn´s Temporary Contemporary | Designer Mall Sofitel "Stephansplatz" Selbst gestaltete Entdeckungsreisen Ansonsten begibt sich der eSeL weitehrin gerne auf Entdeckungsreisen. Zuletzt zum Sofitel Stephansplatz (das ja eigentlich neben dem Donaukanal und keineswegs beim Dom liegt >;e) Mitten in dessen "Designish Avenue" Shopping Mall (durchs Foyer hinten) traf eSeL überraschend Künstler Karl Kühn, der inmitten der Inneneinrichtungen einen Temporary Contemporary Artspace betreibt (Fr, Sa 11-18h). Eine skurrile, trotzdem empfehlenswerte Erfahrung Zum Deckengemälde im Topgeschoß der Bar hat es der eSeL (wegen Reservierugsungswilligkeit und bereits erwähntem Wunsch nach Spontanität) noch nicht geschafft (ein Tag davor vorher dürfte inzwischen eh reichen) - bleibt aber angesichts der ungesehenen Ausblicks (auf Decke von Pipilotti Rist wie das Stadtbild von Wien) durchaus ein Ausflugsziel.
foto.esel.at: DesignerMall Sofitel "Stephansplatz" Soweit so unsichtbar Ansonsten gibt es viele Dingen, die dringlich passieren, aber noch nicht an die Oberfläche dringen: Eine Einreichung zwecks künstlerische Forschung, die sehr beim Denken geholfen hat, aber nicht beim Zeitressourcen-frei-Halten (und voraussichtlich nicht beim Geldverdienen). Ein Interview für einen kommenden Zeitungsbericht, von dem der eSeL nicht sicher ist, wann er erscheint und ob das Interview dazu nicht völlig missglückt ist. Die langsame, aber bewundernswerte Akribie mit der Meister Parasew jedes weitere Detail der neuen eselonlinekalenders verbessert und verbessert (und der eSeL trotzdem verzweifelt, dass wir nicht schon vor zwei Stunden umgeschaltet haben). (UPDATE: Die Beta-Version ist online) Ein neues eSeL Büro mit zahlreichen Zusatzfunktionen, von dem der eSeL auch erst plaudern will, wenn er dorthin mal den Karton voller Flyer aus seinem Archiv hingeschlappt hat (sofern die hoffentlich nicht während ihrer Zwischenlagerung in Kellern verrottet sind). Und mit Radieschen, Erdhörnchen, Arnold und Parasew gibt´s neue Team-Members (thank you very much, it´s so nice with you)! Nächste Woche gibt´s Direktberichterstattung von der transmediale in Berlin. (und was dem eSeL dort sonst noch vor die kunstsinnige Linse läuft). Schöne Woche! |
Nach ARTmART, vienna art week und Monat der Fotografie muss eSeL über die Weihnachtsfeiertage dringend ein wenig "offline"-urlaub machen. Daher gibt es von 10.12.2010 bis 10.1.2011 leider nur wenig aktuelle Updates via Twitter oder Facebook. Der Kalender wird von Panda auch über die Feiertage up to date gehalten - und freut sich auch über Ihre/Deine Empfehlungen! ...pssst! - Ab Jänner lohnt es sich wieder auf die eSeL-Seite zu schauen... Hier gibt es demnächst gravierende Veränderungen (die Vorbereitungen sind auch ein guter Grund für Urlaubsbedürfnis - nicht nur für eSeL sondern das gesamte Team!)
Bis demnächst wünschen wir vorab Frohe Weihnachten! |
Geschmackssache zweiter Ordnung
Derzeit herrscht bekanntlich der ARTmART-Ausnahmezustand im Künstlerhaus, wo fünf Tage lang jedes aufgehängte Kunstwerk um € 80,- zu haben ist. Die geladenen Künstler entscheiden, was sie zu diesem Einheitspreis an die Wand hängen wollen. Die Besucher hingegen sind angesichts dieser Fülle an Werken gezwungen im drastisch direkten Vergleich zu entscheiden welche Kunst gefällt. Soweit die Werbung.
Da eSeL darin bekanntlich in Koordination dieses Projekts involviert ist, hier ein paar Erkenntnisse aus den letzten Tagen ARTmART-Anwesenheit für die werte Zusatzaufmerksamkeit.
KünstlerbiotopDa es bei ARTmART keine Zwischenhändler gibt, sind die Künstler häufig persönlich anwesend. Anwesenheit (und Gesprächsbereitschaft) steigert die Verkaufszahlen, weil Anwesende ihre Werke bei Verkauf gleich mitgeben und „nachhängen“ können (damit die Ausstellung sichtbar bleibt). Wer nur das Werk sprechen lassen will, kommt zumindest mit seinen Hängenachbarn zwecks Reservierungskoordination ins Gespräch.
Gemeinsam mit dem Einheitspreis, der tatsächlichen „Wert“ im Kunstfeld außer acht lässt und zum Austausch zwischen den Künstlern auch mittels Werketausch einlädt, wächst so seit dem Ausstellungs-Aufbau ein offenes, sehr gesprächiges Klima, das atmosphärisch seinesgleichen sucht (und der eSeL schon jetzt vermissen wird).
PublikumsschnittstelleHinzu kommt seit Dienstag das Publikum: Am Eröffnungstag in Tausenderzahlen - unglaubliche acht Stunden lang ohne Unterlass! Neu ist, dass auch an den Folgetagen die Menschen schon ab 13 Uhr artig an den Toren warten, um in gemütlicheren Mengen das Biotop im Künstlerhaus zu erkunden Die bewusst geschürte Hoffnung auf Schnäppchenjagd bringt „normale“ Menschen aller Schichten plötzlich mit „Kunstfeldmenschen“ ins Gespräch, um mitunter sehr, SEHR unterschiedliche Zugänge zur Kunst wechselseitig kennen zu lernen. Das ist für beide Seiten lehrreich.
Diese soziale Durchmischung ist bewusstes Ziel und dem eSeL bekanntlich ein Anliegen. Ein nachhaltiger Abgleich von Kunst und Publikum Kunstfeld entsteht über dauerhafte Beziehungen. Ein gekauftes Bild über dem Sofa erleichtert ein solches langfristiges Interesse – auch für weitere Arbeiten eines angekauften Künstlers.
WerkenBis es zum Tausch von Geld gegen Kunst kommt, verlangt das ARTmART-Setting Kunst und Künstlern einiges ab. Die Werke müssen als Serie an der Wand (oder auf Sockeln im Raum) einheitlich zusammenpassen, als Einzelstück auch zu Hause funktionieren und natürlich möglichst ansprechend aussehen. Wer nur einen „Achtziger“ auszugeben hat (was wiederum auch nicht wenig Geld ist), überlegt sich bei mind. 2000 Vergleichsmöglichkeiten allzu gut, ob er diesen „nur“ in ein gefinkeltes Konzept (oder gar „nur“ ein reproduzierbares Foto) steckt oder doch - in ebenso denkbar durchdachte - Spuren von Bleistift, Pinsel oder zumindest jegliche Form manueller Tätigkeit investiert, wo man Arbeitszeit noch ablesen kann. Diese Rückbesinnung auf Techné scheint ist gegenüber gewohnten Formen und Sprechen im Kunstfeld ungewohnt – führt aber die Frage nach Werk und Wert von Künstlern besonders drastisch vor Augen.
Die springende, rote PunktDie roten Punkte, die auf Listen unter der jeweiligen Werkreihe geklebt werden, übersetzen Geschmacksgrenzen in sichtbare Verkaufszahlen. Daraus ergibt sich erneut ein verquertes Künstlerranking, das rein statistisch natürlich massentaugliche Kunst bevorzugt, andererseits aber mehr als deutlich macht, wie viele sperrige Kunstwerke sich schon nach Tag 3 über neue Besitzer freuen. Spätestens dann beginnt das Rätselraten – und in eSeLs Kopf das Vergleichen der Positionen von Künstlern wie Publikum. Warum findet jemand etwas „schön“?
Understanding ARTmART
Als zusätzlichger Denkanstoß wird die Ausstellung selbst immer wieder von Künstlern zum Thema gemacht.
Coralie die Gonzaga stellt zwei Stunden ihrer Arbeitszeit zum Verkauf, Roman Pfeffer verkauft Wandstücke, Klaus Bock und Julia Haugeneder inszenieren einen Einbruch ins Künstlerhaus um 80 Euro bankomatfrischer Geldscheine in einer Wand zu verspachteln, Lluis Lipp verschenkt seinen Blick auf ARTmART als Comics, Max Schaffer türmt zerbrochene Bumerangs, Karl Kilian hyperventiliert Kebap-Kunst, Hilde Fuchs collagiert Konsumtüten, Eisenberger gibt mit panierten 10-Euro-Scheinen den Besuchern die Preissteigerung zum letzten Mal zurück, Gerald Zahn rahmt Ärzteromane, Rouven Dürr verstreut Hundehaufen aus Gold, Pablo Chiereghin präsentiert HC Straches Armband für unbekannten Menschenmassen.
Dies ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn auch subtile, passende Kommentare finden sich im bestehenden Werkrepertoire mancher Künstler. Julian Palacz lässt etwa alte Meister von einem Softwareprogramm nach heutigen Schönheitsidealen nachbessern, Stefanie Wuschitz verkauft Roboter, die zittern wenn sie ans allzu grelle Licht gezerrt werden. (Und damit wäre zugleich auch eSeLs zweiter Lieblingsschwerpunkt erwähnt, heuer auch Medienkünstler in diesem Setting präsentieren zu lassen).
ARTmART als SystemJedoch: Wenn nebenan Künstler-Kollegen hunderte Euros mit mitunter einer Null mehr nach Hause tragen, wird kritische Kontext-Wachsamkeit doppelt teuer bezahlt (bzw. eben gar nicht).
ARTmART-Kenner - oft jene die schon zum dritten Mal teilnehmen (oder wie griechischen Cheapart-Veteranen weit darüber hinaus) - wissen inzwischen leider nur zu gut, welche Werke erhöhten Umsatz versprechen und beginnen spezifisch dafür Massenware in größter Stückzahl zu produzieren. Die „experimentellen Marksituation“ von ARTmART wird zunehmend zum Miniatur-Kunstmarkt mit Chancen auf guten Gewinn.
Aller guten Dinge...Als Parabel auf Ökonomiebedingungen im Kunstfeld ist ARTmART und dessen Entwicklung weiterhin äußerst aufschlussreich – und die oben geschilderten Vorzüge (und gute Stimmung!) sind - auch ohne jeden Kaufrausch – wirklich berauschend. Doch sobald sich Routine einschleicht und ein Experiment paradoxer Weise selbst zum System wird, wird es für den eSeL Zeit sich wieder auf neue Pfade zu begeben.
Sprich: Heuer hat eSeL besonders viel gelernt am ARTmART. Unter anderem, dass es nach diesem Sonntag 20.00 Uhr Zeit ist, das Experiment in dieser Form zu beenden. Und 2012 mit einem neuen Markt-Experiment une einer Ausstellung Fragen über Zusammenhänge von Kunst (und Kapital!) mit frischer Schärfe aufzuwerfen.
So, jetzt eSeL flitzt eSeL wieder glücklich zum Künstlerhaus um allein die mehr als 150 Neuzugänge im ARTmART (und dabei sich selbst beim Beobachten) weiter beobachten zu können.
ARTmART läuft noch bis Sonntag 20 Uhr.
ps. Und weil ich das unlängst an anderer Stelle verschwiegen habe, sei esloszentrisch darauf verwiesen, dass es wohl auch eine analoge erweiterte eSeL Mehl Fotostrecke aus Fehlerbildern dort zu sehen gibt, bei der eSeL visuell über ARTmART spricht - wenngleich diesmal ohne Bedienungsanleitung oder Aktionismus. >:e)
pps. Das bisherige ARTmART Team begegnet sich in anderen Projektzusammenhängen wieder - mit weniger Organisationsaufwand und mehr Schlaf.... >;e)
eSeL´s Themenführung:
Digitale Schnittstellen - Netzkultur(en) in Wien an der Schnittstelle zur Medienkunst
im Rahmen der Vienna Art Week
Samstag, 20. November 2010
14.00–17.00 Uhr
Durch die rasante Entwicklung und Verbreitung digitaler Technologien hat sich in Wien eine lebendige Medienkunstszene herausgebildet, die bestens vernetzt an den Rändern zum Kunstbetrieb Qualitätskriterien für neue ästhetische Praktiken auslotet.
Mit Hackerspaces, Do-it-yourself-Labors und regem Ausstellungs- wie Vortragsprogramm werden Arbeitsweisen der »digital natives« erprobt, die mit neuen Formen der Zusammenarbeit, offener Verbreitung von Wissen und auch Skulpturen aus 3-D-Printern zunehmend die Aufmerksamkeit von Kunstöffentlichkeiten einfordern.
Im Rahmen der Vienna Art Week führt eSeL an jene Orte, an denen digitale Kunst und Kultur entwickelt und ausgestellt wird – und vermittelt im direkten Gespräch mit den Künstlern Ziele und Qualitätskriterien von Computerkunst, »coding culture« und elektronischer Musik an der Schnittstelle zwischen Creative Industries und angewandter Medienkunst.
Treffpunkt: Museumsquartier - Haupteingang (Museumsplatz 1, 1070 Wien)
Stationen:
- MuseumsQuartier Wien/Electric Avenue
- Metalab
- Serverzentrum - mit Aaron Kaplan
- Atelier Hofstetter Kurt
- Medienkunst Positionen bei ARTmART






