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Freitag, 19.11.2010
ARTmART: Geschmackssache zweiter Ordnung
ARTmART: Geschmackssache zweiter Ordnung

Geschmackssache zweiter Ordnung

Derzeit herrscht bekanntlich der ARTmART-Ausnahmezustand im Künstlerhaus, wo fünf Tage lang jedes aufgehängte Kunstwerk um € 80,- zu haben ist. Die geladenen Künstler entscheiden, was sie zu diesem Einheitspreis an die Wand hängen wollen. Die Besucher hingegen sind angesichts dieser Fülle an Werken gezwungen im drastisch direkten Vergleich zu entscheiden welche Kunst gefällt. Soweit die Werbung.

Da eSeL darin bekanntlich in Koordination dieses Projekts involviert ist, hier ein paar Erkenntnisse aus den letzten Tagen ARTmART-Anwesenheit für die werte Zusatzaufmerksamkeit.

eSeL.at: ARTMART Künstlerbiotop

Da es bei ARTmART keine Zwischenhändler gibt, sind die Künstler häufig persönlich anwesend. Anwesenheit (und Gesprächsbereitschaft) steigert die Verkaufszahlen, weil Anwesende ihre Werke bei Verkauf gleich mitgeben und „nachhängen“ können (damit die Ausstellung sichtbar bleibt). Wer nur das Werk sprechen lassen will, kommt zumindest mit seinen Hängenachbarn zwecks Reservierungskoordination ins Gespräch.

Gemeinsam mit dem Einheitspreis, der tatsächlichen „Wert“ im Kunstfeld außer acht lässt und zum Austausch zwischen den Künstlern auch mittels Werketausch einlädt, wächst so seit dem Ausstellungs-Aufbau ein offenes, sehr gesprächiges Klima, das atmosphärisch seinesgleichen sucht (und der eSeL schon jetzt vermissen wird).

Publikumsschnittstelle

Hinzu kommt seit Dienstag das Publikum: Am Eröffnungstag in Tausenderzahlen - unglaubliche acht Stunden lang ohne Unterlass! Neu ist, dass auch an den Folgetagen die Menschen schon ab 13 Uhr artig an den Toren warten, um in gemütlicheren Mengen das Biotop im Künstlerhaus zu erkunden Die bewusst geschürte Hoffnung auf Schnäppchenjagd bringt „normale“ Menschen aller Schichten plötzlich mit „Kunstfeldmenschen“ ins Gespräch, um mitunter sehr, SEHR unterschiedliche Zugänge zur Kunst wechselseitig kennen zu lernen. Das ist für beide Seiten lehrreich.

Diese soziale Durchmischung ist bewusstes Ziel und dem eSeL bekanntlich ein Anliegen. Ein nachhaltiger Abgleich von Kunst und Publikum Kunstfeld entsteht über dauerhafte Beziehungen. Ein gekauftes Bild über dem Sofa erleichtert ein solches langfristiges Interesse – auch für weitere Arbeiten eines angekauften Künstlers.

Werken

Bis es zum Tausch von Geld gegen Kunst kommt, verlangt das ARTmART-Setting Kunst und Künstlern einiges ab. Die Werke müssen als Serie an der Wand (oder auf Sockeln im Raum) einheitlich zusammenpassen, als Einzelstück auch zu Hause funktionieren und natürlich möglichst ansprechend aussehen. Wer nur einen „Achtziger“ auszugeben hat (was wiederum auch nicht wenig Geld ist), überlegt sich bei mind. 2000 Vergleichsmöglichkeiten allzu gut, ob er diesen „nur“ in ein gefinkeltes Konzept (oder gar „nur“ ein reproduzierbares Foto) steckt oder doch - in ebenso denkbar durchdachte - Spuren von Bleistift, Pinsel oder zumindest jegliche Form manueller Tätigkeit investiert, wo man Arbeitszeit noch ablesen kann. Diese Rückbesinnung auf Techné scheint ist gegenüber gewohnten Formen und Sprechen im Kunstfeld ungewohnt – führt aber die Frage nach Werk und Wert von Künstlern besonders drastisch vor Augen.

Die springende, rote Punkt

Die roten Punkte, die auf Listen unter der jeweiligen Werkreihe geklebt werden, übersetzen Geschmacksgrenzen in sichtbare Verkaufszahlen. Daraus ergibt sich erneut ein verquertes Künstlerranking, das rein statistisch natürlich massentaugliche Kunst bevorzugt, andererseits aber mehr als deutlich macht, wie viele sperrige Kunstwerke sich schon nach Tag 3 über neue Besitzer freuen. Spätestens dann beginnt das Rätselraten – und in eSeLs Kopf das Vergleichen der Positionen von Künstlern wie Publikum. Warum findet jemand etwas „schön“?

eSeL: ARTmART 2010 - Coralie de Gonzaga Understanding ARTmART

Als zusätzlichger Denkanstoß wird die Ausstellung selbst immer wieder von Künstlern zum Thema gemacht.

Coralie die Gonzaga stellt zwei Stunden ihrer Arbeitszeit zum Verkauf, Roman Pfeffer verkauft Wandstücke, Klaus Bock und Julia Haugeneder inszenieren einen Einbruch ins Künstlerhaus um 80 Euro bankomatfrischer Geldscheine in einer Wand zu verspachteln, Lluis Lipp verschenkt seinen Blick auf ARTmART als Comics, Max Schaffer türmt zerbrochene Bumerangs, Karl Kilian hyperventiliert Kebap-Kunst, Hilde Fuchs collagiert Konsumtüten, Eisenberger gibt mit panierten 10-Euro-Scheinen den Besuchern die Preissteigerung zum letzten Mal zurück, Gerald Zahn rahmt Ärzteromane, Rouven Dürr verstreut Hundehaufen aus Gold, Pablo Chiereghin präsentiert HC Straches Armband für unbekannten Menschenmassen.

Dies ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn auch subtile, passende Kommentare finden sich im bestehenden Werkrepertoire mancher Künstler. Julian Palacz lässt etwa alte Meister von einem Softwareprogramm nach heutigen Schönheitsidealen nachbessern, Stefanie Wuschitz verkauft Roboter, die zittern wenn sie ans allzu grelle Licht gezerrt werden. (Und damit wäre zugleich auch eSeLs zweiter Lieblingsschwerpunkt erwähnt, heuer auch Medienkünstler in diesem Setting präsentieren zu lassen).

ARTmART als System

Jedoch: Wenn nebenan Künstler-Kollegen hunderte Euros mit mitunter einer Null mehr nach Hause tragen, wird kritische Kontext-Wachsamkeit doppelt teuer bezahlt (bzw. eben gar nicht).

ARTmART-Kenner - oft jene die schon zum dritten Mal teilnehmen (oder wie griechischen Cheapart-Veteranen weit darüber hinaus) - wissen inzwischen leider nur zu gut, welche Werke erhöhten Umsatz versprechen und beginnen spezifisch dafür Massenware in größter Stückzahl zu produzieren. Die „experimentellen Marksituation“ von ARTmART wird zunehmend zum Miniatur-Kunstmarkt mit Chancen auf guten Gewinn.

Aller guten Dinge...

Als Parabel auf Ökonomiebedingungen im Kunstfeld ist ARTmART und dessen Entwicklung weiterhin äußerst aufschlussreich – und die oben geschilderten Vorzüge (und gute Stimmung!) sind - auch ohne jeden Kaufrausch – wirklich berauschend. Doch sobald sich Routine einschleicht und ein Experiment paradoxer Weise selbst zum System wird, wird es für den eSeL Zeit sich wieder auf neue Pfade zu begeben.

Sprich: Heuer hat eSeL besonders viel gelernt am ARTmART. Unter anderem, dass es nach diesem Sonntag 20.00 Uhr Zeit ist, das Experiment in dieser Form zu beenden. Und 2012 mit einem neuen Markt-Experiment une einer Ausstellung Fragen über Zusammenhänge von Kunst (und Kapital!) mit frischer Schärfe aufzuwerfen.

So, jetzt eSeL flitzt eSeL wieder glücklich zum Künstlerhaus um allein die mehr als 150 Neuzugänge im ARTmART (und dabei sich selbst beim Beobachten) weiter beobachten zu können.

ARTmART läuft noch bis Sonntag 20 Uhr.

ps. Und weil ich das unlängst an anderer Stelle verschwiegen habe, sei esloszentrisch darauf verwiesen, dass es wohl auch eine analoge erweiterte eSeL Mehl Fotostrecke aus Fehlerbildern dort zu sehen gibt, bei der eSeL visuell über ARTmART spricht - wenngleich diesmal ohne Bedienungsanleitung oder Aktionismus. >:e)

pps. Das bisherige ARTmART Team begegnet sich in anderen Projektzusammenhängen wieder - mit weniger Organisationsaufwand und mehr Schlaf.... >;e)

Kategorien: eSeL FOTO
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